Feindmechanismus im Kiez
10.12.2008: Georg Hubmann, 20 und Student der Politikwissenschaften, greift mit seinem Text gleich mehrere Themen auf: Heiß diskutiert auf dem Jugendforum wurde etwa zu "Wem gehört die Stadt?" oder "Mein Neukölln, dein Marzahn?".
Sonntagmittag im Berliner Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf: Zwei Nazi-Skinheads beschimpfen einen türkischstämmigen Imbissbesitzer. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung. Der Türke erleidet eine Platzwunde. Die Polizei kommt zu spät. Anfang Dezember 2008, U-Bahnhof Leinestraße, Berlin-Neukölln: eine Schlägerei zwischen einer Gruppe türkischer Männer und drei deutschen Fußballfans. Galatasaray Istanbul gewann das Spiel gegen Hertha BSC Berlin am Vortag. Marzahn und Neukölln: echte Berliner Problemkinder.
Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) gehört in Marzahn zum Alltag. Auf dem Marktplatz, an den S-Bahnstationen wirbt die Partei regelmäßig mit Infoständen. An den Wänden der Plattenbauten ist die Präsenz der rechten Parolen unübersehbar. Die NPD konnte bei der letzten Wahl durch 6.384 Wählerstimmen mit drei Mandaten in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) einziehen. Dagegen liefert der im südlichen Bereich der Bundeshauptstadt gelegene Bezirk Neukölln alle Paletten für einen echten Multi-Kulti-Bezirk. So viele verschiedene Nationalitäten wie in keinem anderen Bezirk Berlins werden hier gezählt, wobei die Türkei-stämmige und Arabisch sprechende Community die Mehrzahl bilden. In der BVV sitzen überwiegend Vertreter der zwei Volksparteien CDU und SPD. Die Gemeinsamkeiten: Teile von Neukölln und Marzahn sind vom Berliner Senat als "Gebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf" ausgewiesen. Beide Bezirke haben ein negatives Außenimage und beide weisen eine Reihe von sozialen Problemsituationen auf. Trotz des festgestellten Konfliktpotentials können sich die Bezirke untereinander wenig anfreunden.
Billige Mieten, traurige Straßen
Diese interbezirklichen Auseinandersetzungen standen bei einem der Workshops im Rahmen des 8. Berliner Jugendforums ganz oben auf der Themenliste. Jugendliche aus verschiedenen Teilen der Stadt diskutierten mit Abgeordneten und versuchten Lösungsansätze zu erarbeiten. Warum bestehen diese Separationstendenzen einzelner Bezirke weiter? Kiezdenken ist in den Bezirken zu Hause. Es gibt aber keine wirkliche Einteilung, sondern das erledigt vielmehr das Siedlungsverhalten der dort lebenden Menschen. Etwa sind Mietpreise, Traditionen oder Freunde ausschlaggebend. Viele Jugendliche tragen ihr spezielles Kiezdenken im Gepäck, sie haben eine emotionale Bindung zu ihrem Kiez, in dem sie aufgewachsen sind. Für gewöhnlich ist in einem Kiez alles zu bekommen, was zum Leben gebraucht wird. Angefangen bei den speziellen Lebensmitteln und endend mit Kulturgütern. Es gibt vorerst wenige Gründe, den Kiez zu verlassen. In Marzahn und Neukölln, also sozial schwachen Gebieten, ist der Konkurrenzkampf noch ausgeprägter: Ein Feindmechanismus entsteht. Mit dem Hintergrund einer geringen Bildung oder fehlender Perspektiven fällt die Konzentration oft auf den kleinsten Baustein, der noch fixer Bestandteil des Lebens ist. Das kann je nachdem entweder die eigene Wohnung, die Straße, in der man wohnt, oder eben der Kiez sein. Abgrenzung ist hier wieder das zentrale Stichwort. In manchen Fällen fehlt es den Jugendlichen aber nur an einer guten und kompetenten Ansprechperson.
Die Diskussion brachte einige Vorschläge, wie es besser gehen kann: die Förderung von Sport- und Musikprojekten für Jugendliche, die Zusammenarbeit von Schulen etwa verstärken. Stefan Ziller, mit 27 Jahren Abgeordneter für das Bündnis 90/Grüne, fordert die Gemeinschaftsschule, die das Verhältnis der Hauptschule zum restlichen Schulwesen auflösen soll. Zweitens will er die BVG-Freifahrt für alle Schüler/innen. Mobilität sei eines der wichtigsten Dinge in einem jugendlichen Leben. Die Quintessenz bleibt: Bildung ist der Weg aus der sozialen Krise.
