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Arbeiten bis der Arzt kommt

10.12.2008: Ist es heutzutage wirklich wichtig sich über die eigenen beruflichen Ziele und Perspektiven Gedanken zu machen, obwohl man noch nicht einmal seinen Realschulabschluss in der Tasche hat? Wenn ja, warum? Wann ist überhaupt der richtige Zeitpunkt, um sich auf die Zukunft zu konzentrieren? Was nützt es einem überhaupt? Das sind Fragen, die sich Jugendliche eigentlich stellen sollten. Die meisten machen´s aber nicht. Woran liegt´s? Von Maraike Dobriczikowski

Montags sagt Maraike Dobriczikowski ihrer Mutter schon mal tschüß bis Mittwoch. Denn die 15-Jährige arbeitet nicht nur für die Schule, sie engagiert sich für die Berliner Zeitung als Jungredakteurin und die Redaktionssitzung dauert schon mal bis 21 Uhr. Dienstags übernachtet sie bei ihrer besten Freundin, da sie unbedingt ihre privaten Kontakte neben all den Schul-AGs weiter pflegen will. "Manchmal kann ich einfach nicht mehr, da will ich nur noch meine Ruhe haben", sagt Maraike und lässt den sonst so konzentrierten Blick ins Leere schweifen. Sie kennt es schon, wenn der Körper streikt, und weiß von einer Mitschülerin, die mehrmals einen Hörsturz erlitt: "Einen Burnout mit fünfzehn, sechzehn Jahren, das kann doch eigentlich nicht sein", meint Maraike. Fürs Berliner Jugendforum berichtet sie über Jugendliche, die arbeiten und lernen, "bis der Arzt kommt".

Maraike schreibt: Ist es heutzutage wirklich wichtig, sich über die eigenen beruflichen Ziele und Perspektiven Gedanken zu machen, obwohl noch nicht einmal der Realschulabschluss in der Tasche ist? Wenn ja, warum? Wann ist überhaupt der richtige Zeitpunkt, um sich auf die Zukunft zu konzentrieren? Was nützt es einem überhaupt? Das sind Fragen, die sich Jugendliche eigentlich stellen sollten. Die meisten machen's aber nicht. Woran liegt's? Haben manche Teenager einfach keine Lust, sich mit Dingen zu beschäftigen, die über saufen, kiffen und Party machen hinausgehen? Die 16-jährige Gisem aus Berlin Kreuzberg: "Ich weiß ja, dass ich für meine Zukunft selbst verantwortlich bin, doch manchmal hab' ich einfach das Gefühl, meinen Freunden, meiner Familie, der Schule und vor allem mir selbst nicht mehr gerecht werden zu können."

Mangelnde Motivation und Überforderung sind häufig die Ursache dafür, dass Jugendliche die Schule schleifen lassen. Das Leistungsprinzip lässt sie vermuten, dass alle Mühe eigentlich umsonst ist: "Am Ende werden sowieso nur die Guten genommen und so schlau bin ich niemals!", stöhnt Hümmet, 19, aus Berlin-Schöneberg. Allzu oft wird in der Schule verdeutlicht, dass es nur die mit dem super Abitur und den vielen Praktika später zu etwas bringen werden. Hümmet: "Es wirkt sich nicht gerade positiv auf die Motivation aus, wenn wir zu hören bekommen, dass die Jugend von heute perspektivlos und unengagiert sei. Wie soll man sich denn da ernst genommen fühlen? Es macht mich einfach nur total wütend und fassungslos, so etwas zu hören!" Die Schüler/innen, die von zu Hause aus nicht die nötigen Eigenschaften mitbringen, um mit dem Anforderungen umgehen zu können, die fallen in der Leistungsskala hinten runter. Hinzu kommt, dass die leistungsstarken Schüler/innen von inkompetenten Lehrern bevorzugt und gehätschelt werden, wodurch sich der Sachverhalt noch mehr ins Negative steigert. Die "Schlechten" fühlen sich vernachlässigt, die "Guten" sehen sich früher oder später mit zu hohen Ansprüchen konfrontiert, denen sie nicht dauerhaft gerecht werden können.

Ganz oder gar nicht?

Schwierigkeiten, den allgegenwärtigen Leistungsdruck zu kompensieren, kennen alle Schüler/innen. Die einen schlagen sämtliche düsteren Prophezeiungen von Seiten der Lehrer/innen und Eltern in den Wind und machen gar nichts mehr, die anderen stürzen sich in schulische und außerschulische Aktivitäten. Sich mit 15, 16, 17 Jahren panisch Gedanken darum zu machen, was man später werden möchte; um dann darauf hinzuarbeiten, den passenden Lebenslauf für den entsprechenden Beruf zu erstellen - ist das gesund?

Die Frage "Was ist das Richtige für mich?" wird kaum noch gestellt, stattdessen gilt "Was ist richtig für meinen Lebenslauf?". Statt unkontrollierter Panikmache bräuchten die Schüler/innen Orientierungshilfen, die ihnen mit sanfter Bestimmtheit begreiflich machen, dass es zwar wichtig ist, sich über seine beruflichen Ziele klar zu werden, dies jedoch nicht heißt, sämtliche wichtigen Entscheidungen auf der Stelle zu fällen. Um eine berufliche Perspektive zu haben, ist ein Abi-Durchschnitt von 1,2 nicht überlebenswichtig.

Karrierestall Konzern

Begründet wird die Panikmache damit, dass die Leistungsanforderungen den Vorstellungen der Arbeitgeber/innen entsprächen, doch dies gilt in der Regel nur für sehr große Betriebe, die es sich leisten, nur die Allerbesten anzunehmen. Doch da nur wenige Schüler/innen eine Karriere bei Daimler-Benz, BMW oder Siemens anstreben, ist es nicht berechtigt, die Anforderungen darauf zu reduzieren. Derartige Behauptungen sind größtenteils unrealistisch und wirken auf Schüler/innen einfach nur einschüchternd und keineswegs aufklärend.

Das Zusammenspiel von Erziehung, Herkunft, gesellschaftlichen Normen und sozialen Unterschieden beeinflusst die Lebenseinstellung eines Jugendlichen. Aber wie soll ein Jugendlicher in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen, wenn er es von seinen Eltern nicht vorgelebt bekommt? Wie soll ein Jugendlicher ein Mittelmaß an Engagement finden, wenn er dabei nicht von seiner Familie unterstützt wird? Der Prozess der Selbstfindung ist keine Sache, die sich von alleine erledigt. Die Schule kann unmöglich dafür sorgen, dass junge Menschen, denen ihr Leben lang vermittelt wurde, dass sie nichts drauf haben, plötzlich Spaß daran haben, ihre Fähigkeiten und Talente auszuleben. Eine Schule kann Möglichkeiten dafür geben, doch es liegt allein bei den Schüler/innen, diese zu nutzen.

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