Dicht it!
10.12.2008: Wenn Jugendliche sich treffen, um über Politik zu debattieren, dann bleiben Gefühle nicht aus. Und da Politik bekanntlich mit Worten gemacht wird, liegt doch nichts näher, als den Gefühlen und Emotionen, die Jugendliche bewegen, Worte zu geben. Das passende Projekt dazu heißt Poetry Slam - ein Dichterwettstreit. Von Sarah Künne
Damit ein Bühnenprogramm von selbstgeschriebenen Kurzgeschichten und Gedichten entstehen kann, bietet Felix Römer, deutscher Meister im Poetry Slam, einen Workshop auf dem Jugendforum 2008 an. Neugierig geworden durch die viel versprechende Ankündigung, begebe ich mich zum Workshop, um herauszufinden, was es mit dem Poetry Slam auf sich hat.
Wie es aber manchmal kommt, sagen die Teilnehmer überraschend ab und mir bleibt nichts anderes übrig, als mich im Selbstversuch zu testen. Schließlich will ich jetzt wissen, wie so ein Wettstreit der Autoren funktioniert. Noch habe ich keine Vorstellung, wie es mir gelingen soll, einen witzigen und spannenden Text in so kurzer Zeit zu schreiben, aber dass wir nur zu dritt sind, nimmt mir ein wenig die Angst. Spielerische Übungen lockern mir die Zunge, so dass die Worte nur so herauspurzeln. Mit so genannten "Ein-Wortgeschichten", bei denen spontan eine Geschichte zusammengebastelt werden muss, entstehen die witzigsten Gedankenkonstrukte. Auch wenn es um verärgerte Okapis, verzauberte Eichhörnchen oder eine böse Fichte geht, Kreativsein macht Spaß und muss nicht immer einen Sinn ergeben. Die Hauptsache ist, wir finden Worte für das, was uns bewegt.
Felix Römer, der Poetry Slam selbst als Zuschauer entdeckte, lebt heute in Berlin. Er reist jedoch kreuz und quer durch Deutschland um überall an Wettstreiten teilzunehmen. Dabei gefällt ihm besonders, dass er auf der Bühne alles so sagen kann, wie er es meint, und kein Raum für falsche Interpretationen entsteht. Dass es Spaß macht, seine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, möchte er vor allem an Jugendliche weitergeben. "Am meisten Spaß macht es, mit Leuten zu arbeiten, die noch nie vorher geschrieben haben. Es entstehen die schönsten Texte", sagt Felix Römer. Um noch mehr Jugendliche zu erreichen, organisierte er im Herbst 2008 sogar ein eigenes U20 Poetry Slam Festival in Berlin.
Im Abgeordnetenhaus amüsieren wir uns derweil über die schrägen Geschichten, die unserer Phantasie entsprungen sind. In einer zweiten Übung hat Felix Römer uns einige unzusammenhängende Dinge genannt, die wir dann in einer kleinen Geschichte vereinen sollten. Dabei erwachen schon mal alte Turmschuhe zu Leben oder ein Punkt hisst seinen Iro auf Halbmast. Am verblüffendsten ist aber, dass trotz der Vorgaben völlig unterschiedliche Texte entstanden sind. So verschieden unsere einzelnen Persönlichkeiten sind, so unterschiedlich werden auch die Texte.
Das Schreiben allein ist aber nur die halbe Miete. Um ein echter Slamer zu werden, brauche ich noch einen Crashkurs im Performen. Es gibt unzählige Fehler, die einem auf der Bühne unterlaufen können. Zu lernen, einen selbstgeschriebenen Text gut vorzutragen, heißt auch, sich selbst kennen zu lernen.
Seinen Ursprung hat der Poetry slam in den USA und fand in den 90er Jahren seinen Weg nach Deutschland. Poetry Slam bietet die Möglichkeit, Literatur auf ganz individuelle und aktive Weise zu erleben. Trotzdem sind einige Regeln zu beachten. Es dürfen nur selbstgeschriebene Texte vorgetragen werden und jeder Slamer hat etwa fünf Minuten Zeit. Inzwischen ist Poetry Slam gar nicht mehr so unbekannt und speziell Berlin ist zu einer Hochburg der Lesebühnen und Poetry Slams geworden. Der beste der wortgewaltigen Dichter wird jedes Jahr in den deutschen Meisterschaften gekürt. So wie Felix Römer diesen Titel bereits gewann, traten dieses Jahr auch einige Jugendliche aus seinen Workshops an.
Um das Jugendforum 08 literarisch in Schwung zu bringen, sind sie am 06. Dezember extra zur Poertry Slam Show angereist. Mit ernsthaften Gedichten, zynischen Geschichten und mitreißenden Reden bringen sie das kleine aber feine Publikum zum Schmunzeln.
Ich habe mir einen Platz in der ersten Reihe gesichert und verfolge gespannt das Geschehen. In letzter Minute habe ich meinen Text doch noch für Slam-unwürdig empfunden und jetzt bin ich froh darüber. Wie viel Selbstsicherheit ein professioneller Slamer braucht, wird mir klar, als ich die völlig verschiedenen Jugendlichen auf der Bühne bestaune. Kaum einer ist älter als ich, Iris Schwarz steht dafür aber schon seit vielen Jahren auf der Bühne. Auf die Frage woher er seine verrückten Ideen nimmt, antwortet Tommy ganz entschieden. "Die Ideen findet man überall im Alltag, ich schreibe über das, was mich bewegt." Schreiben kann also jeder, Ideen gibt es überall und niemand sollte Angst davor haben, seine Empfindungen auch mal öffentlich zu machen. Ich hatte auf jeden Fall eine Menge Spaß mit Felix Römer, den vielen Worten und dem JuFo Slam. Der Weg zum Profi-Slamer ist aber noch lang!
Wer beim Lesen Lust bekommen hat, selbst einmal den Stift in die Hand zu nehmen, der schreibt einfach an: texten@gmx.de. Elli Hacksteiner betreut und leitet in Berlin eine Gruppe Jugendlicher, die gemeinsam Texte schreiben. Ob dann geslamt wird oder nicht, kann jeder selbst entscheiden!
