Jugend erobert Abgeordnetenhaus
10.12.2008: "Die Jugend ist viel vielfältiger als manche Erwachsene denken: Auch besonders im Kampf für Toleranz und ein friedliches Zusammenleben der Menschen, sei es in Berlin oder anderswo in Deutschland. Die Jugend muss über so etwas diskutieren können." sagt Walter Momper, Vorsitzender des Berliner Abgeordnetenhauses. Mit großen Augen starre ich den Berliner Ex-Bürgermeister, der mit seinem roten Schal den Mauerfall begleitete, an während er weiter mit seiner Rede fortfährt, "deswegen stellen wir auch dieses Jahr gern das Abgeordnetenhaus für einen Tag den Jugendlichen zur Verfügung." Von Lena Orthey
Meine Hand spielt mit den rot, weiß, grünen Karten, die auf dem Tisch für die nächste Versammlung bereit liegen, als er gerade seinen Satz beendet. Ich sitze im Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses zusammen mit über 1.000 Jugendlichen und etwa. 30 Abgeordneten beim 8. Berliner jugendFORUM.
Viel haben wir heute vor; so brennt Berlin im Sinne der Klimakatastrophe, das Netz hält uns gefangen im Rausch der Daten und wir arbeiten bis der Arzt kommt, wenn wir in 12 Schuljahren Richtung Abitur rasen. Zu diesen und anderen Themen erwarteten uns spannende Diskussionsrunden, ein vielfältiger und interessanter Projektmarkt mit vielen sich vorstellenden Aktionen auf drei Stockwerken verteilt, sowie ein aufregender Tag mit vielen neuen Menschen.
Wer weiß, wie ein lebenswerter Mensch aussieht? Ist er vielleicht groß, blauäugig und hat blonde Haare oder ist er klein, dick und hat jede Menge Pickel im Gesicht? Ist er vielleicht ein Genie oder doch "nur" ein Hauptschüler; gehört er dem Islam oder dem Christentum an? Oder ist er vielleicht normal, aber was heißt hier normal? So oder vielleicht ganz anders; kann das nicht egal sein? Aber warum gibt es Nazis, die meinen, sie wüßten was gut für uns wäre und das ist eben nicht Toleranz sondern Hass denjenigen gegenüber, die anders sind als sie oder ihr Idealbild. Das jugendFORUM 2008 beschäftigt sich mit dem Thema Rechtsextremismus und was man dagegen tun kann. Viele Jugendliche haben in den vergangenen Jahren ein Projekt für Toleranz und gegen Rechtsextremismus in ihrem Kiez entweder unterstützt oder selber gestartet. Und so kommt es, dass die Räume der jeweiligen Diskussionsrunden nicht nur gut besucht sind sondern auch regelrecht mit Ideen und Meinungen Abgeordneten überschüttet werden. Ich selber laufe im 2. Stockwerk durch die verschieden Projektstände um mich etwas umzuschauen.
Heute am Nikolaus Tag sollen wir nicht wie gewohnt im Stiefel nach Süßigkeiten schauen, sondern an den richtigen Stellen, sei es im Netz oder im Kiez um, Antworten auf unsere Fragen zu finden. Wobei das ein oder andere Infoblättchen, ein Flyer zusammen mit einem kleinen Werbegeschenk in meiner Tasche verschwindet. Nicht hinein passt jedoch das spezielle Buch der KiJuB Bücherei, welches mich dort ganz persönlich erwartet, Mein lebendes Buch ist HIV krank, seit 1995 weiß er, dass er positiv ist. Seitdem kämpft er um jeden Tag, den er so normal wie möglich leben will. Doch da fangen die Probleme an, zu viele Menschen haben allgemeine Vorurteile denen gegenüber die anders sind als sie oder nicht ihrem Gesellschaftsbild entsprechen. Eine halbe Stunde kann ich mein Buch fragen was mir auf dem Herzen liegt und es antwortet mir prompt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Es ist 13.30 Uhr und ich stehe vor dem Abgeordnetenhaus und schaue mich verwundert um, denn ungefähr 30 Jugendliche Teilnehmer werfen sich hier draußen plötzlich auf Zuruf auf den Steinboden; warum nur, denke ich mir,doch auf einmal pfeift es und die Jugendlichen brüllen: "Wo ist die Bildung?" Und jetzt erst verstehe ich den Zusammenhang, denn auf dem Weg zum Essen habe ich einen kleinen Zettel gefunden und das, was hier abläuft war ganz klar ein BildungsFlashmob zum Thema"Wo ist die Bildungspolitik?" Doch es gab viel gute Aktionen, die das bewirkt haben, was sie erreichen wollten: Interesse bei den Jugendlichen wecken. Was auch super geklappt hat, da viele Jugendliche bereits mit großem Interesse an der Sache nach Berlin gekommen sind.
Viele Diskussionsrunden waren in zwei Blöcke aufgeteilt und fanden über mehrere Stunden. Laute Musik begleitete uns den ganzen Tag, die die Diskussionen in jeglicher Lautstärke überbot.. Doch Laut sein, das passte zu unserem Sturm des Abgeordnetenhaus denn die Musik übermittelte nicht nur die Aufforderung zum mittanzen sondern eine Partystimmung, in der ich immer noch bin -eine Art Zauber, der auf dem ganzen Geschehen vom 6.Dezember 2008 noch liegt.
Alles konnte ich zwar nicht in meine Tasche packen, aber dafür viele Antworten auf meine Fragen und den einen oder anderen Move oder Ohrwurm. Auch viele neue Eindrücke und Bekanntschaften nehme ich mit nach Hause. Für mich hat sich die lange Anreise von Hessen nach Berlin gelohnt und ich wette, jeder der dieses Gebäude an dem Tag betreten hat, an dem wir das Sagen hatten, nimmt etwas Großes mit nach Hause. Das Gefühl, etwas bewegen zu können, wenn man nur will!
Link-Tipp: Das einzige was man machen muss ist sich anmelden und dann hier her kommen nach Berlin. Also treffen wir uns zum 9.Berliner jugendFORUM? Ich und viele weitere Jugendliche sind wieder dabei.
